Demenz vom Alzheimer-Typ früher Beginn

Heute 62-jähriger Patient kam 2019 zur Diagnostik. Er hatte damals seit 1 Jahr zunehmend spürbare kognitiven Defizite.

Er selbst bemerke nach eigenen Angaben, dass er Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis habe. Er sei nun krankgeschrieben, weil „wohl ein Burnout“ habe, sei eigentlich tätig als promovierter Chemiker bei einer großen Chemiefirma. Leider habe er die Aufgaben dort gar nicht mehr umsetzen können. Genauer konnte er das nicht beschreiben.

  • Seit ca. einem Jahr sei er wegen des Verdachtes auf eine Depression medikamentös behandelt worden.

Wach, ausreichen gepflegt, zu allen Qualitäten orientiert, im Kontakt offen, freundlich, kooperativ, nicht misstrauisch, Auffassung intakt, Konzentration und Gedächtnis bereits im orientierenden Gespräch eingeschränkt, formalgedanklich verlangsamt – aber geordnet, keine Ängste, kein Anhalt für wahnhaftes Erleben, keine Wahrnehmungsstörung, keine inhaltlichen oder Ich-Störung, Stimmung gedrückt, Antrieb regelrecht, keine Suizidgedanken.

  • Keine Schlafstörungen
  • Keine gastrointestinalen-Beschwerden
  • Keine Herzbeschwerden
  • Nichtraucher
  • Alkohol trinke er nur gelegentlich in Gesellschaft – dann nur 1 Glas Bier oder Wein
  • Keine Drogenerfahrungen
  • Medikamente: bis dato keine
  • Kann kaum verlässliche Angaben machen, keine Jahreszahlen nennen
  • Körperliche Erkrankungen: keine
  • Psychisch: sei psychisch immer gesund gewesen, nie beim Nervenarzt
  • Veränderungen des Ehemannes fielen ihr seit 1,5 Jahren auf, er sei seitdem „in sich gekehrt“
  • Auch frühere Schicksalsschläge (Verlust eines gemeinsamen Kindes) haben sich bei ihm nie so ausgewirkt
  • Er sei immer mobil und sehr aktiv gewesen, habe sehr viel Sport getrieben. Nun sei er aber ohne Antrieb und habe Probleme, Zusammenhänge zu verstehen

Sie leben zusammen in Eigenheim in Jena, keine sozialen Sorgen, ein gemeinsamer Sohn damals 16 Jahre alt.

Es erfolgte eine Einweisung in die gerontopsychiatrische Tagesklinik. Die Gerontopsychiatrie wurde, trotz noch nicht hohem Alter gewählt, weil bereits der Verdacht auf eine Demenzerkrankung geäußert werden musste. Im Rahmen der tagesklinischen Behandlung (11.12.2018-17.01.2019) wurde eine umfassende neuropsychologische Testung sowie eine Lumbalpunktion durchgeführt. Die ambulant erfolgte Bildgebung (cMRT) wurde durch eine PET-CT-Untersuchung ergänzt.

  • Demenz bei Alzheimer-Erkrankung mit frühem Beginn F00.0
  • Zunächst stellte sich der Patient nach dem ersten Kontakt und erfolgter Diagnostik noch selbst zu den vereinbarten Terminen vor. Zunehmend kam aber die Ehefrau des Patienten verzweifelt zu Notterminen, weil die Situation im häuslichen Umfeld immer schwieriger wurde
  • Erwerbsunfähigkeit (EU)-Rente wurde beantragt – Procedere zog sich hin – mehrfach wurden sozialmedizinische Beratungen der Familie notwendig, da lange Arbeitsunfähigkeit (AU)-Zeiten bestanden, Fristen unklar waren und eine Reha von der Rentenversicherung (RV) empfohlen wurde – dass dies hier keinen Sinn macht, konnte dem RV-Träger kaum vermittelt werden und bedurfte des vielfachen Schriftwechsels der Ehefrau des Patienten und unserer Praxis
  • Im Vordergrund bei den Gesprächen standen immer sozialmedizinische Probleme
  • Ehefrau erkrankte im Verlauf an einer Depression und begab sich in Behandlung
  • Immer wieder waren ad hoc auch psychoedukative Gespräche erforderlich – Das Umfeld der Familie hatte kaum Verständnis für die Alltagsprobleme, da der Patient noch fassadär kompetent erschien – er nahm an Ausflügen im Freundeskreis teil und unterhielt sich eloquent, konnte aber Körperpflege oder einfache Tätigkeiten im Haushalt nicht mehr ausführen
  • Wohnen im Familienverbund funktionierte immer weniger – ein Umzug in eine Demenz-Wohngemeinschaft (WG) erfolgte – der Abnabelungsprozess der Ehefrau musste intensiv begleitet werden und zog sich hin (die Ehefrau macht sich Vorwürfe, überlegt, wie sie ihn noch intensiver begleiten kann, verzweifelt im Spagat zwischen dem pubertierenden Sohn und dem dementen Ehemann, zudem belastet durch Pflege der sehr betagten eigenen Eltern, …) – viele und lange Gespräche zu den psychosozialen Unterstützungsmöglichkeiten erfolgen bedarfsgerecht – mitunter mehrfach pro Quartal
  • In der Demenz-WG erschien der im Vergleich mit den Mitbewohnern sehr junge Patient körperlich sehr fit und er unternahm lange Wanderungen. Zu Beginn kam es nicht zu Zwischenfällen, im Verlauf landete er danach aber regelhaft im früheren Familienanwesen und musste von der Ehefrau in die WG zurückgebracht werden – beratende Gespräche mit dem Betreuungspersonal waren nach besonderen Ereignissen und begleitend bei den Hausbesuchen notwendig.
  • Das Pflegepersonal war überfordert, da der relativ junge Patient mit fast ausschließlich kognitiven Defiziten sich deutlich von den anderen in der WG lebenden betagten und körperlich eingeschränkten Patienten unterschied
  • 2022 dann wurde er bei einem seiner „Ausflüge“ orientierungslos aufgefunden und in die Zentrale Notaufnahme gebracht – Die Polizei war von den WG-Mitarbeitern bereits informiert und konnte den Patienten nach Hause (Demenz-WG) bringen
  • Antidementivum Rivastigmin als Pflaster – Patient lehnte die Gabe von Tabletten ab, weil er sich gesund fühlte – zu Beginn der Behandlung gelang es ihm immer wieder, das von der Ehefrau angebrachte Pflaster zu entfernen
  • Im Verlauf Verordnung von Ergotherapie zur allgemeinen Stimulation und Übung alltagspraktischer Tätigkeiten
  • Sozialmedizinische Beratung zum wachsenden Pflegebedarf und zu möglichen Hilfen und Entlastungen
  • Palliativer Verlauf – Pflege muss nun vollstationär erfolgen, Patient ist nahezu immobil
  • Befund: schwerste Auffassungsstörung, ausgeprägte Echolalie, Apraxie bei allen Alltagstätigkeiten – Körperpflege muss übernommen werden – Nahrung muss gereicht werden, fehlende Orientierung, selten Hinlauftendenz.